Der ökologische Rucksack

Der Begriff wurde in den neunziger Jahren von Prof. Friedrich Schmidt-Bleek am Wuppertal Institut entwickelt und inzwischen dort und an anderen Forschungseinrichtungen wissenschaftlich differenziert, untermauert und in seiner Aussagekraft weiterentwickelt. Jedes Podukt, das wir verwenden, ist mit einem unterschiedlich großen ökologischen Rucksack belastet, gemeint als Symbol für den Naturverbrauch (Rohstoffe, Boden, Wasser, Luft, Fläche), der mit dem Produkt verknüpft ist - von der Rohstoffgewinnung für das Produkt über die Weiterverarbeitung zum Endprodukt, den Vertrieb, die Nutzung bis zur Entsorgung bzw. Endlagerung.

Zur Berechnung der Rucksackgröße werden MI-Faktoren (MI = Materialinput) in Kilogramm berücksichtigt, die für die Bereitstellung von je einem Kilogramm Grundmaterialien bzw. einer Energieleistung von 1 MJ bzw. 1 kWh aus der Natur bewegt oder entnommen werden müssen. MI-Faktor für einige Grundmaterialien: 1,2 für Rundholz - das heißt, für 1 kg Rundholz werden ca. 1,2 kg Natur verbraucht; über 5 kg für typische Kunststoffe, 15 kg für Papier, 85 kg für Aluminium, 500 kg für Kupfer, bis zu 550.000 kg für 1 kg Gold.

Diese MI-Faktoren werden mit dem Gewichtsanteil der jeweiligen Stoffe im Herstellungsabfall und im verkaufsfertigen Produkt multipliziert und dann zum ganzen MI (Abfall plus Produkt), dem ökologischen Rucksack, aufsummiert. Im MIPS (Material-Input-Per-Service) ist auch der Materialinput enthalten, der in der Nutzung eines Produktes steckt und bei dessen Entsorgung anfällt. In jedem technischen Produkt stecken im Schnitt 30 kg Natur pro kg Produkt, in elektronischen Geräten oft das Zehnfache, und zusätzlich das Zehnfache an Wasser. Bei der Informations- und Kommunikationstechnik sind es bis zu 600 kg Natur für ein Kilogramm Produkt.

Die Berechnung der jeweiligen ökologischen Rucksäcke macht ökologische Fehleinschätzungen deutlich. Beispiele: Vergleich Baumwolle und Plastik; in der Herstellung (nicht bzgl. der Entsorgung!) ist Baumwolle um vieles umweltschädlicher als Plastik. Bei Strom aus Windkraftanlagen MI = 0,027 kg/kWh (Berichtsjahr 2013), Strom aus konventionellen Photovoltaikanlagen MI = 1,8 (Berichtsjahr 1995; heutzutage allerdings vermutlich etwa um den Faktor 3 bis 4 verbessert), Strom aus Braunkohle ist mit 1,14 kg/kWh die ökologisch teuerste Stromerzeugung.

Eine ökologische Fehleinschätzung wird besonders bei der Betrachtung des ökologischen Rucksacks des Elektroautos deutlich. Zwar wird bei der Nutzung eines solchen Fahrzeugs die CO2-Emission deutlich verringert gegenüber der Nutzung herkömmlicher Kfz-Technik, aber der mit der Produktion verbundene ökologische Rucksack des E-Autos frisst diesen Vorteil so weit auf, dass die ökologische Gesamtbetrachtung fast auf ein Null-Summen-Spiel hinausläuft.

Wir müssen nicht nur CO2-Emissionen vermeiden, sondern überall, wo nur eben möglich, den Naturverbrauch, die Ressourcenverschwendung reduzieren. Deshalb ist - gesamt-ökologisch betrachtet - die biotische Kompensation mit Hilfe entsprechender guter biotischer Projekte der technischen Kompensation weit überlegen.


Alle Information in diesem Text sind dem Buch "Grüne Lügen" von Friedrich Schmidt-Bleek (erschienen 2014) entnommen - insbes. S. 53-96.